… sprich: Den totalen Untergang?

Oder wäre es nicht besser, stattdessen mal richtig nachzudenken? Etwa so, wie Bruno Latour es 2021 formuliert hat:

„Wir brauchen auch eine bescheidene Technologie. Die ganze Gesellschaft muss wieder kritikfähig werden, was ihr das Prinzip der Modernität genommen hatte. Sie muss verstehen lernen, dass wir eine ökologische Zivilisation „komponieren“ müssen. Bescheiden müssen wir die verschiedenen Elemente prüfen und uns dabei sagen: Ich erfinde eine Technik. Sie wird unerwartete Folgen haben. Die lokalisiere ich. Dann diskutieren wir darüber. Aber das geht nicht. Das ist es, was mich so aufregt. Wir waren nie modern, glaubten aber, es zu sein. Und das hat bis heute unglaublich gravierende Folgen.“

Der Screenshot stammt aus dem online-Auftritt der ZEIT vom 17.11.2022.

Das Zitat von Bruno Latour stammt aus den „Gesprächen mit Bruno Latour“ aus dem Jahr 2021 (Regie: Camille De Chenay und Nicolas Truong. Gesendet im Jahr 2022 bei ARTE)

„Die Vernichtung der Natur durch den Menschen ist Folge jüdisch-christlicher Wertvorstellungen.“ Carl Amery

„Unsere Welt ist keine postchristliche Welt, sondern die ausdrücklichste christliche Welt, die je existiert hat, und zwar eine apokalyptische Welt.“ Ivan Illich

„Gerade weil er mit all seiner Kraft nicht zur Erlösung, sondern zur Schuld, nicht zur Hoffnung, sondern zur Verzweiflung strebt, zielt der Kapitalismus als Religion nicht auf die Veränderung der Welt, sondern auf ihre Zerstörung.“ Giorgio Agamben

… everybody in the world“ singt Dubstepper Skrillex. Ob er damit auf den globalen Kapitalismus anspielt, wissen wir nicht. Zu der folgenden Feststellung von Giorgio Agamben würde diese Lesart aber exakt passen:

„Gerade weil er mit all seiner Kraft nicht zur Erlösung, sondern zur Schuld, nicht zur Hoffnung, sondern zur Verzweiflung strebt, zielt der Kapitalismus als Religion nicht auf die Veränderung der Welt, sondern auf ihre Zerstörung.“

Giorgio Agamben, zitiert aus: „Der Kapitalismus ist eine leere Religion, die vollständig auf Glauben – also Kredit – beruht. Wie kann sie funktionieren?“ (NZZ vom 21.06.2020)

Am Anfang schufen die Menschen Gott.

Warum? Weil sie mit ihrem stetig wachsenden Selbstbewusstsein (und ihren im gleichen Maß schwindenden natürlichen Instinkten) auf Erden nicht mehr zurechtkamen.

Sich nicht mehr instinktiv als Teil des Weltganzen zu fühlen, sondern sich zunehmend als dessen abgespaltenes und reflexionsfähiges Gegenüber wahrzunehmen, dürfte wohl der größte Schock gewesen sein, der der Menschheit jemals widerfuhr. Erzählungen wie die „Vertreibung aus dem Paradies“ sind ein Hinweis auf diese Abspaltung der Menschen vom übrigen Leben.

Kein Wunder, dass sie sich eine machtvolle Person ersehnten, die sie von der alleinigen Verantwortung für ihr Tun auf Erden entbinden konnte. Einen väterlichen Gott, der ihnen etwa sagen sollte:

„Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Da dieser Gott eine fiktive Figur war und blieb, konnte und kann er natürlich keinerlei Hilfe leisten. Das erklärt die aberwitzige Situation, in die sich die Menschheit – dank ihrer „Gottesfantasie“ – hineinmanövriert hat.

Hinzu kam, dass dieser „Gott“ sich leicht als ideologisches Mittel zur Disziplinierung, Manipulation und Ausbeutung der Mitmenschen einsetzen ließ (was die Gerisseneren auch ausgiebig nutzten, wie uns die Geschichte lehrt).

Nur wenn die Menschen sich endgültig vom Selbstbetrug „Gott“ verabschiedeten, könnten sie ihre herausragende Stellung als „response-able“ (verantwortungsfähige) Wesen inmitten der irdischen Vielheit tatsächlich einnehmen und dürften in der Folge vielleicht doch noch auf eine konstruktive und erbauliche Weiterexistenz auf dem Raumschiff Terra hoffen.

Andernfalls: OMG!

Dieses Schild stammt aus der ständigen Ausstellung des Naturhistorischen Museums in Wien. Ich habe es vor etwa 25 Jahren dort fotografiert. Freizügig interpretiert lassen sich die Schlussfolgerungen des Texts auch auf die Gattung „Homo sapiens“ unter der Herrschaft des ungezügelten globalen Kapitalismus anwenden. Und siehe da: Im Lichte dieser Kurzbeschreibung bekommen viele gesellschaftliche Erscheinungen der vergangenen Jahrzehnte (und Jahrhunderte) einen neuen und tieferen Sinn.

Oder nicht?

„… von den seit fünfzig Jahren vertretenen politischen Positionen, wenn man die Klimafrage und deren Leugnung nicht ins Zentrum rückt.“

Zitiert aus: Bruno Latour „Das terrestrische Manifest“ (Berlin, Suhrkamp Verlag, 2018)

„Die Hypertrophie des Rechts, die alles gesetzlich zu regeln versucht, lässt durch ihre Exzesse formeller Rechtmäßigkeit den Verlust jeder substantiellen Legitimität nur umso deutlicher hervortreten.“

Giorgio Agamben

Zitiert aus: „Das Geheimnis des Bösen“ von Giorgio Agamben (Berlin, 2015)

„Zum Höllenszenario gehört aber auch, dass unsere Alltagswelt so undurchschaubar geworden ist, dass wir in ihr und von ihr nichts mehr lernen können, sondern mit allerlei Bedienungsanleitungen über sie belehrt werden müssen, und zwar lebenslänglich; dass wir, statt Künstler zu sein, zu Kunden mutiert sind; dass wir von einer wuchernden Sicherheitssorge befallen sind, die uns jede Überraschung als Anschlag auf Leib und Leben beargwöhnen lässt; dass wir einander nicht trauen können, weil jeder oder jede Andere potentielle Rivalen sind.“

Marianne Gronemeyer

Zitiert aus Marianne Gronemeyers Preisrede anlässlich der Verleihung des Margrit-Egnér-Preises, November 2013

„Wenn wir es als Fluch wahrnehmen, in diesen Zeiten zu leben, oder befürchten, dass uns die nächste Generation verfluchen wird, weil wir ihr eine zerstörte Welt hinterlassen haben, können wir uns vielleicht immerhin zwei Fragen vor Augen halten: Wie kann uns dieser Sinn für die Zerstörung der Welt einen Weg nach vorne weisen? Wo und wie kommen wir dahin, dieses historische Leben, das Leben, das wir in dieser historischen Zeit führen, zu bejahen?“

Judith Butler

Zitiert aus einem Vortrag Butlers im Literaturarchiv Marbach. Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Engels. Quelle: DIE ZEIT 08/2020

Heinz von Foerster spricht in diesem Interviewausschnitt aus dem Jahr 2001 über Metaphysik, Physik, Teilchen und Weltentstehungserklärungen und bringt den Interviewer damit an den Rand der Verzweiflung.

Ethischer Imperativ von Heinz von Foerster: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!“

„Es ist tatsächlich erstaunlich, wie anthropozentrisch wir immer noch denken. Wenn wir sehen, wie eine Maschine eine Aufgabe bewältigt, dann vergleichen wir das mit unserer Intelligenz. Wenn wir über ethische Fragen nachdenken, stellen wir unsere Interessen vorne an, nicht die der gesamten Umwelt. Wir sehen ja, wohin das führt: Wir sind im Begriff, den Planeten unbewohnbar zu machen. Vielleicht ist es Zeit, etwas zu verändern.“

Luciano Floridi

„Wirklichkeit ist nichts, was uns pur gegeben ist, sondern was immer aus dem Wechsel zwischen Annahmen auf der einen Seite und  Beobachtungen auf der anderen Seite entsteht, und beide haben etwas möglicherweise Illusorisches. Meine Annahmen können täuschen, meine Beobachtungen können täuschen, ich habe aber nichts anderes als beides und vor allem den Wechsel zwischen beidem, um meiner Wirklichkeit für den Moment auf die Spur zu kommen.“

Dirk Baecker

„Denken müssen wir. Wir müssen denken. Das heißt ganz einfach: Wir müssen diese Geschichte ändern; diese Geschichte muss sich ändern.“

Donna J. Haraway

Lesetipp / Donna J. Haraway: „Unruhig bleiben – Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ / Frankfurt am Main, 2018

„Ich verstehe unter Vergangenheit etwas, was noch bevorsteht und was dem herrschenden Geschichtsbild entrissen werden muss, damit es sich ereignen kann.“

Giorgio Agamben

„Das Vertrauen in die großen Erzählungen, die unter dem Namen „Ideologie“ erfasst wurden, ist einem totalen Misstrauen gegenüber den großen Gedankengebäuden gewichen. Das ist sehr bezeichnend, denn es heißt, wir haben keine Ideen mehr, wir können nicht mehr an Ideen glauben.“

Jean-Luc Nancy

Zitiert aus: Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 26.12.2016, Jean-Luc Nancy im Gespräch mit Michael Magercord

Kleine Notiz: Könnte das Misstrauen gegen große Gedankengebäude nicht eine gute Idee sein? Stattdessen lieber kleine, bewegliche, temporäre, undogmatische Gedankenbausteine je nach Bedarf?

„Wir glauben nicht mehr, dass die Wirklichkeit die gegenständliche Welt ist und dass der menschliche Geist im Gegensatz zu dieser Welt steht. Wir beginnen zu glauben, dass die Wirklichkeit das Faktum ist, dass wir mit den anderen zusammen in der Welt existieren.“

Vilém Flusser

Wobei aus heutiger Sicht zu präzisieren wäre: „…, dass wir mit allem Lebendigen zusammen in der Welt existieren.“